Wer profitiert von den öffentlichen Bildungsausgaben?
Wie trägt das Bildungssystem zur Chancengleichheit bei?
Bildung ist der beste Schutz gegen Armut und Arbeitslosigkeit.
Österreich investiert außerordentlich viel in Bildung, wir haben im internationalen Vergleich eines der teuersten Bildungssysteme.
Es ist wünschenswert in Bildung zu investieren. Jedoch schafft das österreichische Bildungssystem trotz hoher öffentlicher Ausgaben nur mäßige Erfolge.
Einerseits schneiden österreichische SchülerInnen auch in den internationalen Leistungsvergleichsstudien (z.B. PISA) bestenfalls durchschnittlich ab. Andererseits werden Bildungsabschlüsse noch immer vererbt, d.h. Schulbildung ist in Österreich abhängig vom Familieneinkommen und der Bildung der Eltern.
Nicht zufällig zählt Österreich in vielen Bereichen zu den Schlusslichtern.
Niedrige Bildungsbeteiligung der 15- bis 19-Jährigen, hohe Abbruchraten bei weiterführenden Ausbildungen, niedrige AkademikerInnenquote.
Das Ausbildungsniveau einer Gesellschaft hängt aber eng mit der Wirtschaftsentwicklung und damit mit dem künftigen Wohlstand zusammen.
Einkommensstarke konsumieren mehr Bildung
Das österreichische Bildungssystem ist vor allem auf Auslese und Trennung orientiert. Statt dessen soll aber die Förderung möglichst aller Begabungen und Fähigkeiten der in Österreich lebenden Menschen im Zentrum stehen.
Nur ein durchlässiges Bildungssystem ermöglicht sozialen Aufstieg. Gerade deswegen sind Kinder aus niedrigeren sozialen Schichten besonders zu fördern. Die Realität zeigt, dass insbesondere diese Kinder die kürzesten Schullaufbahnen aufweisen. Höhere Bildung ist beinahe immer noch ein Privileg der Einkommensstarken. Sie profitieren dadurch mehr als ärmere Bevölkerungsschichten von den staatlichen Bildungsausgaben.
Private Ausgaben für Bildung steigen
Zwar verlangen österreichische Bildungseinrichtungen größtenteils kein Schulgeld, die „Nebenkosten“ von Bildung steigen aber ständig. Hiezu zählen etwa die anfallenden Kosten für Nachhilfeunterricht und Nachmittagsbetreuung, aber auch Zahlungen für Schulmaterial, für Schulveranstaltungen oder für Sprachferien und Lerncamps.
Für Eltern mit niedrigem Einkommen sind diese Ausgaben eine enorme Belastung. Das öffentliche Unterstützungssystem in Form von Schulbeihilfe setzt erst spät auf der 10. Schulstufe ein. Von den SchülerInnen, die nicht ihre Wunschschule besuchen, gibt jede/r Zehnte/r dafür finanzielle Gründe an.
Umgekehrt ist die Lehrlingsentschädigung ein deutliches Motiv bei der Entscheidung für einen Lehrberuf.
Auslese mit neuneinhalb Jahren blockiert sozialen Aufstieg
Bereits mit neuneinhalb Jahren wird durch die Entscheidung zwischen Hauptschule oder Gymnasium die spätere Bildungs- und Berufslaufbahn der SchülerInnen entscheidend mitbestimmt.
Die eingeschlagenen Bildungswege haben für die einzelnen SchülerInnen lebenslange Auswirkungen. Jedes zusätzliche Ausbildungsjahr nach der Pflichtschule rechnet sich in Österreich bei Männern und Frauen mit etwa 7% höherem Einkommen (lt. OECD). Darüber hinaus hängt auch die Inanspruchnahme von Weiterbildung im Beruf in hohem Maße von der Schulbildung ab.
Je mehr Schnittstellen ein Bildungssystem aufweist, desto eher ist die Entscheidung für den weiteren Bildungsverlauf nicht vom Potenzial des Kindes, sondern von Faktoren wie den Bildungszielen der Eltern („Bildungsaspirationen“), dem Informationstand der Eltern über Bildungsmöglichkeiten und der finanziellen Lage der Familie abhängig. Vor allem die Schnittstelle nach der Volksschule wird zur Bruchstelle, an der nicht nach Begabung der Kinder, sondern nach der sozioökonomischen Situation der Eltern ausgesondert wird.
Gemeinsame Ganztagsschule verringert Vererbung von Bildung
Um gleiche Bildungschancen für alle Kinder zu verwirklichen, ist es unser Ziel, die frühzeitige Trennung der SchülerInnen in unterschiedliche Schultypen abzuschaffen.
Eine gemeinsame Schule bis zum 15. Lebensjahr ist ein notwendiger Entwicklungsschritt des österreichischen Bildungssystems. Ganztagsbetreuung
für die Jüngeren und Förderunterricht stellen wesentliche Bausteine für ein gerechtes Schulsystem dar, in dem Bildungslaufbahnen nicht mehr von den sozioökonomischen Verhältnissen der Eltern abhängen.
Kostenloser Kindergartenbesuch und weitere Schritte
Bereits umgesetzte Verbesserungen sind die Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres für die Fünfjährigen bzw. der Gratiskindergarten im Bundesland Wien, der Ausbau der Ganztagsbetreuung an den Schulen, der Schulversuch Neue Mittelschule, die Programme zum Nachholen von Abschlüssen (z.B. „Lehre und Matura“) und der Ausbau der Fachhochschulen, der im
Hochschulbereich den Zugang für bildungsferne, sozial schwächere Schichten erleichtert hat.
Aus Sicht der Arbeiterkammer müssen diese Ansätze ausgebaut und es muss vor allem auf die individuellen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen eingegangen werden, damit alle die gleichen Bildungschancen haben.
Gerecht ist, alle Kinder und Jugendliche zu fördern und dadurch möglichst hohe Bildungsabschlüsse zu ermöglichen – unabhängig davon, wie viel im Haushalt verdient wird, ob die Mutter Arbeiterin ist oder der Vater Arzt.
FORDERUNGEN DER AK ZUR UMVERTEILUNG IN ÖSTERREICH
Fördern statt Hinauswerfen
- Durch die Einführung eines verpflichtenden, kostenlosen Kindergartenjahres für Fünfjährige wurde ein erster Schritt zur besseren Förderung gesetzt. Wien hat zusätzlich die kostenlose ganztägige institutionelle Kinderbetreuung für Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahren eingeführt. Dies soll in ganz Österreich gelten.
- Einführung eines flächendeckenden Angebots an schulischer Nachmittagsbetreuung. So sollen alle Schulen nach Bedarf ein ganztägiges Angebot führen.
- Einführung einer gemeinsamen Mittelschule für alle 10- bis 14-Jährigen mit individueller Förderung aller Kinder. Die derzeitige Praxis der Auslese der Kinder mit neuneinhalb Jahren ist zu früh. Das belegen alle internationalen Studien. Die meisten europäischen Länder haben bereits eine deutlich längere gemeinsame Schulzeit als Österreich. In dieser gemeinsamen Schule muss die Förderung ALLER Kinder, der Schwächeren und der Begabteren, gewährleistet sein.
- Dazu ist eine gemeinsame LehrerInnenausbildung notwendig.
- Individualisierung des Unterrichts und Ausbau des Förderunterrichts anstelle privater Nachhilfe! Die Nachhilfekosten für die Eltern betragen derzeit ca. 140 Millionen Euro jährlich und steigen weiter an.
- Einführung eines Modulsystems in der Oberstufe und folglich Abschaffung des Sitzenbleibens und der Wiederholung einer ganzen Schulstufe. In einem modularen System werden die Lehrplaninhalte in Kursen anstatt in Unterrichtsgegenständen vermittelt. Anstelle der unnötigen Wiederholung aller Unterrichtsinhalte eines nicht bestandenen Schuljahres sollen nur die nicht bestandenen Kurse wiederholt werden.
- Berufs- und Bildungswegorientierung muss für alle SchülerInnen verpflichtend stattfinden – in Form eines eigenen Unterrichtsfachs in der 7. und 8. Schulstufe. Für Jugendliche kann nur so eine breite Information über künftige Ausbildungsmöglichkeiten und die Auseinandersetzung mit den eigenen Interessen und Fähigkeiten gewährleistet werden.
Reform der Schulbeihilfe
- Die Schulbeihilfe ist derzeit erst ab der 10. Schulstufe möglich. Der BezieherInnenkreis muss auf die SchülerInnen der 9. Schulstufe ausgeweitet werden, weil zu diesem Zeitpunkt die Entscheidung über den weiteren Ausbildungsweg erfolgt. Gerade in diesem Ausbildungsjahr fallen hohe Kosten für die Eltern an.
- Außerdem soll die Vergabe der Beihilfen nur aufgrund sozialer Bedürftigkeit erfolgen und nicht wie derzeit vom Schulerfolg (Notendurchschnitt nicht schlechter als 2,9) abhängig sein.
Verbesserung in der Berufsausbildung
- Genügend Ausbildungsplätze müssen geschaffen werden – insbesondere in den berufsbildenden mittleren und höheren Schulen sowie für Lehrberufe.
- Die Durchlässigkeit und die Aufstiegsmöglichkeiten für Jugendliche, die sich für eine Berufsausbildung entscheiden, müssen verbessert werden. Dazu zählt der Ausbau von kostenlosen berufsbegleitenden Weiterbildungsangeboten genau so wie die vermehrte Anrechenbarkeit erworbener Kenntnisse und Kompetenzen.
AK Aktuell 02/2010
Basierend auf der WIFO-Studie
„Umverteilung durch den Staat in Österreich“ (September 2009)



