Es ist gerade einmal 100 Jahre her, dass Frederic W. Taylor mit seinem Modell der „wissenschaftlichen Betriebsführung“ die Arbeitsorganisation revolutionierte.
Durch eine Trennung der planenden von der durchführenden Tätigkeit mit einer Zerstückelung und Standardisierung der einzelnen Arbeitsschritte sollte der Produktionsprozess optimiert werden.
Massiv erschüttert wurde dieses Menschenbild eines ausschließlich rational gesteuerten Arbeiters durch die sogenannten Hawthorn-Experimente ab Mitte der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Dort konnte nämlich die besondere Bedeutung der informellen Organisation nachgewiesen werden.
Eine Bedeutung, die mit den neuen Informations- und Kommunikationstechniken sicherlich noch zugenommen hat, auch wenn sich gleichzeitig Tendenzen einer Re-Taylorisierung feststellen lassen.
Der dadurch bedingte fundamentale Wandel der Arbeitsorganisation stellt auch die BetriebsrätInnen und Arbeitnehmervertretungen vor neue Herausforderungen, wobei insbesondere ihre kommunikativen Fähigkeiten und Fertigkeiten gefragt sind. Sowohl bei ihrer Vernetzung untereinander als auch bei ihrem Austausch mit der Belegschaft.
Das jüngst herausgebrachte Buch
„Soziale Netzwerke und Kommunikationsprozesse in Unternehmen“
(Ulrich Schönbauer / Michael Vlastos, Hg., ÖGB-Verlag)
will diesen neuen Zugang zum Verständnis von Interessenvertretung am Praxisbeispiel der 10jährigen Geschichte des
„gesellschaftspolitischen diskussionsforums“ skizzieren.
Dreh- und Angelpunkt für einen funktionierenden Austausch „im Netzwerk“ ist ein Thema bzw. Anliegen, das zum Nutzen der Netzwerkteilnehmer behandelt werden soll. Dabei darf nicht aus den Augen verloren werden, dass der Austausch umso besser funktionieren wird, je kompetenter und je gleichwertiger die TeilnehmerInnen sind.
Auch wenn immer wieder behauptet wird, dass Netzwerke quasi aus dem Nichts anlassbezogen entstehen – und auch wieder zerfallen, sobald dieser Anlass nicht mehr gegeben ist – braucht es ein Minimum an Organisation bzw. Unterstützung.
Im ersten Abschnitt des Buches werden daher jene Meilensteine bzw. Designs für den Ablauf von Netzwerk-Meetings vorgestellt, die eine möglichst nachhaltige Wirksamkeit gewährleisten sollen.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Entwicklung und dem Einsatz neuer kommunikativer Hilfsmittel und Instrumente in der Betriebsratsarbeit im Rahmen von Projektgruppen. Ein Hauptergebnis der langjährigen GEDIFO-Entwicklung war nämlich, dass sich soziale Netzwerke notwendigerweise in Projektnetzwerke ausdifferenzieren!
Ein Focus wurde dabei auf Verbesserung der Kommunikation durch den Einsatz der sozialen Netzwerkanalyse gelegt. Zum einen wird die grundlegende Philosophie vorgestellt; zum anderen werden konkrete Analyse-Tools, das Mapping und die Software Pajek erläutert. Beide Verfahren dienen der Identifikation von innerbetrieblichen Opinion Leadern und Opinion Brokern.
Sind diese einmal identifiziert und als Partner für die Betriebsratsarbeit gewonnen, so kann mit ihrer Hilfe die innerbetriebliche Kommunikation effektiviert werden. Unter anderem auch durch die Unterstützung bei der Vorbereitung und Durchführung von Betriebsversammlungen.
Die völlig neue – kreative – Art der Durchführung von Betriebsversammlungen ist ein zweiter neuer Zugang zur innerbetrieblichen Kommunikation. Mittels der vorgestellten Großgruppenformate und der damit gemachten praktischen Erfahrungen soll zur Durchführung von Betriebsversammlungen als kraftvolle Kommunikationsveranstaltungen – statt simpler Informationsveranstaltungen – animiert werden.
Eine andere Möglichkeit im Kampf um die Köpfe der Beschäftigten bestehen zu können, ist Agenda Setting durch die Durchführung von Umfragen, wobei Online-Umfragen heute im Nu erstellt und durchgeführt sind.
Je ein Kapitel widmet sich daher dem konkreten Umfrage-Tool SurveyMonkey und den bisher mit derartigen Erhebungen gemachten Erfahrungen.
Nicht vergessen wurde aber auch darauf, dass durch das Web 2.0 völlig neue Kommunikationsbeziehungen mit den Beschäftigten möglich werden.
In einem eigenen Beitrag werden daher die sich daraus eröffnenden Chancen analysiert. Sozusagen als „Bonus-Track“ wird dabei die Handlungsanleitung für die praktische Erstellung eines Weblogs mitgeliefert.
Abgeschlossen wird der vorliegende Band mit der Beleuchtung der Betriebsratsarbeit aus einer Marketing-Perspektive.
BetriebsrätInnen sind eben nicht nur Interessenvertreter und Mikropolitiker, sie sind auch Dienstleister, die ihre Leistung entsprechend vermarkten müssen.
Im letzten Kapitel werden einige Prinzipien effektiver Vermarktung der Betriebsratsarbeit aufgezeigt.
Ziel des Buches ist die Beleuchtung eines bisher meist unterbelichteten Kapitels:
Der Kommunikation jenseits von Rhetorik und Verhandlungsgeschick.
Als schlichter Austausch zwischen ArbeitnehmervertreterInnen untereinander und mit ihrer Belegschaft.
Nur so wird es gelingen, auch auf der so wichtigen informellen Ebene einer Organisation wieder Einfluss zu gewinnen.
Kommunikation ist nun einmal das Lebenselixier der Betriebsratsarbeit.
Von Ulrich Schönbauer,
AK-Wien Betriebswirtschaft
Februar 2010



